Ein Anruf am Vormittag, wenige Minuten der Angst und ein Schaden, der bis heute nachwirkt.
Trickbetrug am Telefon trifft vor allem ältere Menschen. Wie perfide diese Maschen sind, zeigt der Fall von Marion Möckel (90), Bewohnerin im Domicil - Am Schloss Friedrichsfelde in Berlin.
Kurz vor ihrem Einzug in unsere Seniorenresidenz wurde sie Opfer eines sogenannten Schockanrufs, einer der gefährlichsten Formen des Trickbetrugs.
An einem Vormittag erhielt Frau Möckel einen Anruf. Der Mann am Telefon stellte sich als Polizeibeamter vor. Seine Stimme klang ruhig, sachlich, überzeugend und er sprach ohne Akzent.
Er berichtete von einem schweren Autounfall: Ihr Sohn habe im Urlaub eine hochschwangere Frau angefahren. Das ungeborene Kind sei gestorben, die Frau liege auf der Intensivstation. Ihrem Sohn drohe nun eine lange Haftstrafe.
Kurz darauf übernahm ein zweiter Mann das Gespräch. Er gab sich als ihr Sohn aus: „Mutti, ich bin’s. Meine Stimme klingt komisch, ich habe mir die Nase gebrochen.“ Für Frau Möckel klang die Stimme täuschend echt. In der Ausnahmesituation hatte sie keinen Zweifel.
Der angebliche Polizist erklärte, dass nur die Übergabe einer Kaution an den Amtsrichter im Stadtbezirksgericht Berlin-Mitte eine Untersuchungshaft verhindern könne. Sollte die verletzte Frau die Nacht nicht überleben, drohten dem Sohn bis zu zehn Jahre Gefängnis.
Gleichzeitig wurde Frau Möckel eingeschärft, mit niemandem zu sprechen. Es handele sich um ein „schwebendes Verfahren“. Ein Verstoß könne für sie selbst bis zu fünf Jahre Haft bedeuten.
Rückblickend sagt sie: „Ich war wie in einem Tunnel. Ich wollte nur verhindern, dass mein Sohn bis an sein Lebensende im Gefängnis sitzt.“
Die Betrüger fragten gezielt nach Bargeld und Wertgegenständen. Frau Möckel nannte 4.000 Euro, die sie zu Hause hatte, sowie ihren Schmuck.
Am Nachmittag klingelte dann eine Frau an ihrer Wohnungstür. Sie trug schwarze Kleidung, eine Mütze, ihre Haare waren verdeckt. Frau Möckel ließ sie herein, im festen Glauben, alles diene dem Schutz ihres Sohnes. Sie übergab:
Darunter Erbstücke, Erinnerungen an Eltern, Großeltern, an ihre goldene Hochzeit. „Der könnte auch noch etwas bringen“, sagte Frau Möckel und legte sogar noch einen goldenen Armreif dazu, den sie 60 Jahre lang Tag und Nacht getragen hatte.
Kurz nachdem die Abholerin gegangen war, hielt Frau Möckel die Ungewissheit nicht mehr aus. Sie rief ihre Schwiegertochter an und erfuhr die Wahrheit: Es hatte nie einen Unfall gegeben.
Sofort verständigte sie die Polizei. Eine Nachbarin machte sie später auf einen entscheidenden Punkt aufmerksam: In Deutschland gibt es keine Kaution wie in den USA.
Die Polizei nahm den Fall auf, das Betrugsdezernat ermittelte. Beamte kamen am nächsten Tag in Zivil zu Frau Möckel. Die ehrliche Einschätzung: Die Chancen, Geld oder Schmuck zurückzubekommen, seien sehr gering. Später stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren mangels Erfolgsaussichten ein.
Bis heute beschäftigen Frau Möckel starke Gefühle. Immer wieder habe sie sich selbst vorgeworfen: „Wie kannst du nur so dusselig sein?“ Stattdessen, so der quälende Gedanke, hätte sie doch einfach darauf bestehen können: „Ich bestelle ein Taxi, wir fahren gemeinsam zum Amtsrichter und ich übergebe die Unterlagen persönlich.“
Gleichzeitig weiß sie: Sie war nicht leichtgläubig, sondern gezielt manipuliert. Besonders die Fachbegriffe hätten sie überzeugt: „Bezirksgericht“, „Amtsrichter”, „schwebendes Verfahren“, „Kaution“.
Heute möchte sie ihre Geschichte erzählen, um andere zu schützen: „Meine Mitmenschen sind mir nicht egal. Vor allem ältere Menschen sollen wissen, wie diese Betrugsmaschen funktionieren.“
Der Fall von Frau Möckel zeigt eindrücklich: